„Hör auf zu stänkern!“ – oder: über die Bewertung kleinkindlichen Verhaltens

Und da liegt es mir wieder auf der Zunge: „Hör auf zu stänkern!“ möchte ich sagen. Doch ich schlucke es schnell runter, beobachte weiterhin die Situation. Du möchtest das Auto haben und das andere Kind auch. Zuerst könnt ihr euch noch einigen, doch dann möchtest du das Auto wiederhaben. Du nimmst es dem Kind weg, das andere Kind schreit, du gibst es ihm wieder, nimmst es wieder weg. Das andere Kind schreit.  Vermutlich findest du die Reaktion des Kindes nun so interessant, dass du ausprobieren möchtest, ob diese Reaktion bei der gleichen Aktion (Ursache) wieder hervorgerufen wird (Wirkung).  Das Ursache-Wirkungs-Prinzip ist wahnsinnig interessant für Kinder.

Außerdem sind Kinder zwischen eins und drei Sammler verschiedenster Emotionen (genauer dazu unter Gewünschtestes Wunschkind). Das Schreien des anderen Kindes ist höchst interessant. Kinder wollen die verschiedenen Gefühle, Gesichtsausdrücke und Gestikulationen dekodieren und miteinander in Verbindung bringen. Aus diesem Grund werden sie bestimmte Situationen mehrmals hervorrufen. Das mehrmalige Hervorrufen einer Situation könnte man auch als Erhöhung der Stichprobe sehen. Dieses Verhalten trifft beispielsweise auch zu, wenn das Kind Gegenstände herunterschmeißt. Fällt der Löffel wirklich IMMER nach unten? In unserem Beispiel könnte es so lauten: Wird wirklich IMMER geschrien, wenn das Auto weggenommen wird? Kinder wollen die Welt in der sie leben erforschen und begreifen. So natürlich auch den Umgang mit anderen Kindern. Oder um es mit den Worten von Danielle Graf und Katja Seide zu sagen: „Kinder sind wahre Lernwunder, aber sie kommen eben noch nicht mit fertigen Denkmustern und weitreichendem zwischenmenschlichen Verständnis auf die Welt“ (Gewünschtestes Wunschkind 2019, S. 61).  Das bedeutet, Kinder sind auf Hilfe angewiesen, auf den Erfahrungsschatz von uns Erwachsenen, die ihnen genauso, wie sie ihnen erklären was ein Stuhl und ein Tisch ist, erklären, welche Gefühle es gibt und wie sie damit umgehen können.

Sage ich nun in dieser Situation: Hör auf zu stänkern!. Dann habe ich das Verhalten des Kindes sofort bewertet und das sogar sehr negativ. Ich erhebe einen Vorwurf. Ich tue das Verhalten des Kindes ab, bewerte es als etwas Schlimmes, als etwas das nicht sein darf. Ich erkläre dem Kind nicht, was es selbst oder das andere Kind fühlt oder was es besser machen kann, ich ersticke jeden Ansatz einer Hilfestellung im Keim.

Auch wenn Kleinkinder oft und in vielerlei Hinsicht schon weit auf uns wirken, sind sie eben doch KLEINkinder. Das bedeutet auch, dass sie emotional-sozial noch nicht so weit sind, wie wir manchmal annehmen.

Nehmen wir nun die Erklärung mit dem Ursache- Wirkung Prinzip, liest es sich gar nicht mehr nach Stänkern. Abgesehen davon, dass Kinder im Kleinkindalter neuronal noch gar nicht dazu in der Lage sind, zu „stänkern“. Um wirklich stänkern zu können, müsste ein Perspektivwechsel vollzogen werden, der in diesem Alter noch nicht gegeben ist. Die Bewertung „Du stänkerst“ ist also eine von uns Erwachsenen projizierte Bewertung, die dem kindlichen Verhalten nicht entspricht und die kindliche Entwicklung überschätzt.

Kommen wir nun zu unserer Situation zurück; wie hätte es Hilfestellung geben können? Wie ich bereits beschrieben hatte, schienen die Kinder sich zunächst geeinigt zu haben, doch dann war die Reaktion des anderen Kindes für mein Kind so interessant, dass sie aus reiner Neugier für die Emotionssammlung wiederholt hervorgerufen werden sollte. Um die Gefühle entschlüsseln und einordnen zu können, ist es notwendig, sie den Kindern zu erklären. Immer wieder. „Emily schreit und weint. Sie ist traurig, weil sie gerne das Auto haben möchte. Gib ihr bitte das Auto, du kannst ein anderes haben. Dann könnt ihr vielleicht zusammen spielen“ Dies ist ein möglicher Ansatz, ohne Vorwurf, ohne Bewertung.  Denn das Kind weiß es einfach noch nicht besser.

So wie Kinder üben müssen, aus einem Becher zu trinken ohne sich vollzuschütten oder sich beim Hinfallen abzustützen, müssen sie üben, Gefühle und Sprache zu entschlüsseln und einzuordnen. Dies benötigt Zeit und Gelegenheiten zum Üben. Dabei sollte ihnen nichts vorgeworfen werden oder böse Absichten unterstellt werden. Das ist genauso absurd, wie ein Kind dafür zu bestrafen, dass es sich vollkleckert. Hierbei ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass Kinder lernen wollen. Geben wir ihnen also die Unterstützung und übersetzen wir für sie. Auch wenn wir uns wiederholen, immer und immer wieder, denn um es auf neurologische Weise zu erklären: Der präfrontale Kortex unserer Kinder muss gestärkt werden oder aber die neuronale Fahrbahn sollte von einer Gasse zur breiten Autobahn werden. Dies geschieht durch Wiederholung und häufige Nutzung der Fahrbahn. ;)

Alles Liebe,

herz

Avesta

PS: weiterführende Literatur ist unter anderem hier gegeben:

Auf den Blogs Geborgen wachsen und Gewünschtestes Wunschkind, sowie beispielsweise bei allen Büchern rund um Gewaltfreie Kommunikation nach und von Marshall Rosenberg.

 

 

Ein Kommentar zu „„Hör auf zu stänkern!“ – oder: über die Bewertung kleinkindlichen Verhaltens

  1. Ein sehr schöner und lesenswerter Artikel.
    Ich finde ebenfalls, dass Kleinkindern keine bösen Absichten zu unterstellen sind.

    Selbstverständlich ist es wichtig seinem Kind in solch einer Situation bei zu stehen und zu übersetzen! Denn das andere Kind ist ebenfalls zu schützen. Das geht meiner Meinung nach nur mit Erklärungen und Aufschlüsselung der Situation für beide Kinder.

    Ich stimme Dir absolut zu und finde gewaltfreie Erziehung & Kommunikation sollte jedes Kind genießen dürfen – schade, dass diese richtige Erziehung oft als „lasch“ oder als „Pädagogik Quatsch“ abgetan wird. Daran sieht man nur wie wenig Eltern sich tatsächlich mit der Erziehung ihrer Kinder auseinander setzen bzw. sich belesen möchten.

    Wie gesagt, toller, lesenswerter Blogeintrag!
    Weiter so :)

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